(05. April 2019) Alle namhaften IT-Keyplayer bauen ihre Cloud-Offerten aus. So auch SAP. Die deutschsprachige SAP-Anwendergruppe DSAG sieht bei den SAP-Cloud-Lösungen Optimierungsbedarf, wie DSAG-Technologievorstand Steffen Pietsch (Bild) im folgenden CHEFBÜRO-Interview zum Thema „SAP und Cloud-Computing“ konstatiert.

Pietsch Steffen DSAG TechnologievorstandCHEFBÜRO: Die SAP-Strategie „Cloud first“ hat die DSAG schon vor einiger Zeit ergänzt um die Forderung „but not only“. Macht es aus ihrer Sicht Sinn, vor dem Hintergrund notwendiger Digitalisierungsumsetzungen nicht auch beispielsweise die SCP oder zumindest Elemente oder einzelne Lösungen/Technologien der SAP Cloud Platform auch On-Premise zur Verfügung zu stellen?

Pietsch: Die DSAG-Forderung „Cloud-first ja, Cloud-only nein“ bezieht sich vor allem darauf, Cloud-Lösungen dort einzusetzen, wo es sinnvoll ist und sich der Business Case rechnet. Gleichzeitig müssen die Cloud-Produkte funktional ausgereift sein. Es macht keinen Sinn, eine etablierte Applikation durch eine Lösung zu ersetzen, die zwar in der Cloud betrieben wird, aber die Anforderungen der Kunden nicht erfüllt oder betriebswirtschaftlich nachteilig ist.
Der Betrieb von Cloud-Lösungen On-Premise ist nur im Ausnahmefall sinnvoll, beispielsweise in stark regulierten Bereichen. Das liegt unter anderem daran, dass der Betrieb eines für die Cloud ausgelegten Technologie-Stacks gewisse Anforderungen an Betriebsteams und Infrastrukturen stellt, die nur wenige Unternehmen erfüllen können. Der Release-Zyklus der SAP Cloud Platform beträgt zum Beispiel 14 Tage. Nur wenige Unternehmen könnten eine derartige Taktung betriebswirtschaftlich sinnvoll umsetzen.

CHEFBÜRO: Gibt es von Seiten der DSAG Handlungsempfehlungen oder Leitfäden für die Mitglieder in Sachen ‚SAP und Cloud-Computing‘? Wie deckt die DSAG das Thema ‚SAP und Cloud-Computing‘ ab?

Pietsch: Für eine Cloud-Applikation empfiehlt sich generell, den Business Case zu rechnen. Bei Software-as-a-Service (SaaS) ist es zudem empfehlenswert, die funktionale Abdeckung zu prüfen. Da SaaS-Lösungen vielfach nur eingeschränkt oder kostenintensiv erweiterbar sind, ist die funktionale Abdeckung der Unternehmensprozesse durch den Standard-Funktionsumfang sorgfältig zu prüfen.
Bei Infrastructure-as-a-Service (IaaS) sollte die größtmögliche Unabhängigkeit gewahrt werden, um zu vermeiden, von einem einzigen Anbieter abhängig zu sein.
Sowohl bei SaaS als auch bei Platform-as-a-Service (PaaS) ist es wichtig, eine Integrationsstrategie festzulegen, um die Entkopplung der Lösungen von der übrigen Systemlandschaft sicherzustellen und zu gewährleisten, dass Cloud-Services und -Lösungen möglichst einfach ausgetauscht werden können.
Außerdem ist es sinnvoll, Betriebs- und Deployment-Prozesse zu automatisieren, um die Vorteile von Cloud-Angeboten zu nutzen, anstatt von der Komplexität überrollt zu werden. Dabei zahlen sich beispielsweise Investitionen in die Testautomatisierung aus, um anbieterseitig vorgegebene Release-Zyklen mit wenig manuellem Aufwand einhalten zu können. Gleiches gilt für das automatisierte Starten und Stoppen von nicht dauerhaft benötigten Instanzen, wie etwa Entwicklungs- oder Testsystemen, um ein optimiertes Kosten/Nutzen-Verhältnis zu erreichen.

In den entsprechenden Arbeitsgremien der DSAG wird Cloud-Computing bereits diskutiert, so zum Beispiel in Form von Erfahrungsberichten oder Anforderungen an SAP. Darüber hinaus finden immer wieder Thementage, wie etwa ein Thementag Cloud im Mai 2019 statt. Parallel arbeitet die DSAG an Leitfäden, um die Erfahrungen in kompakter Form weiterzugeben, so etwa aktuell an einem Leitfaden zum hybriden Betrieb.

CHEFBÜRO: Es ist sicherlich nicht ganz einfach das eine mit dem anderen Cloud-Angebot des einen oder anderen Public-Cloud-Anbieters in Sachen SAP zu vergleichen. Welche Ratschläge/Empfehlungen gibt die DSAG ihren Mitgliedern (SAP-Kunden)?

Pietsch: Die Kunden müssen Klarheit über ihre funktionalen und nicht-funktionalen Anforderungen gewinnen, zum Beispiel Service Level Agreements, Verfügbarkeiten und Datenschutzanforderungen. Zudem empfiehlt sich eine Vollkostenbetrachtung. Das beinhaltet etwa die Kosten für die On-Premise-Anbindung und die Development/Quality-Instanzen. Des Weiteren die erforderlichen Inhouse-Skills, Personal für den „Betrieb“ und die Integration der jeweiligen Cloud-Lösung.
Insbesondere bei SaaS-Lösungen ist die Integrationsfähigkeit mit der eigenen Systemlandschaft und bereits etablierten Lösungen ein zentraler Punkt. Hierbei kann es hilfreich sein, das Zusammenspiel der Betriebsaspekte der Cloud-Lösungen, wie beispielsweise Update-Zyklen, Backup-Konzepte und ähnliches mit den eigenen Betriebskonzepten abzustimmen.
Sofern Unternehmen bisher keine oder wenig Erfahrung mit der Auswahl von Cloud-Anbietern und der Vertragsgestaltung haben, empfiehlt sich spezialisierte Beratungsunternehmen als Unterstützung einzusetzen, was etwa die Bereiche Security, rechtliche Anforderungen und Datenschutz betrifft.

CHEFBÜRO: Die diesjährige DSAG-Umfrage hat zutage gefördert, dass bei SAP-Anwendern Microsoft Azure hoch im Kurs steht und beispielsweis gegenüber Amazon AWS und der Google Cloud Platform die Nase vorn hat – auch vor SAP (mit der HEC und der SCP). Wie wertet die DSAG dieses Ergebnis? Was lässt sich daraus ableiten?

Pietsch: Microsoft bietet mit Azure ein sehr interessantes Angebot – sowohl auf Ebene der Infrastruktur (IaaS), als auch als Platform-as-a-Service zur Entwicklung eigener Anwendungen. Wir nehmen alle Anbieter sehr ernst und sehen diese auf Augenhöhe in einem hart umkämpften Markt. Wir empfehlen eine Multi-Cloud-Strategie und damit auch, sich kontinuierlich mit sämtlichen führenden Anbietern auseinanderzusetzen.

SAP sehen wir auf technischer Ebene in Koexistenz mit den anderen Anbietern, aber mit einer anderen Stoßrichtung. Das SAP-HANA-Enterprise-Cloud-Angebot umfasst beispielsweise nicht nur die Bereitstellung von Infrastruktur, sondern auch Betriebsleistungen für SAP-Systeme und setzt entweder auf IaaS-Providern oder SAP-eigener Infrastruktur auf. Analog kann die SCP sowohl in SAP-Rechenzentren als auch mit Hilfe von Cloud-Foundry bei den marktführenden IaaS-Providern betrieben werden. SAP nutzt damit die Technologien von Microsoft, Amazon, Google & Co zur Bereitstellung des eigenen Lösungsangebots und tritt nicht in den direkten Wettbewerb zu diesen Anbietern.

CHEFBÜRO: Es scheint so zu sein, dass SAP-Anwenderunternehmen großen Gefallen am IaaS-Cloud-Computing finden, wenngleich hier eher am Hybrid-Cloud-Computing. Also, einen Teil einer SAP-Landschaft als Private-Cloud zu betreiben und einen anderen im Rahmen des Public-Cloud-Computings. Macht dies aus Ihrer Sicht Sinn?

Pietsch: Ja, ich halte diesen Ansatz für durchaus valide. Entscheidend ist der Business Case. Je nach Anforderungen und damit einhergehender Kostenstruktur kann der Betrieb in einer Public Cloud, einer Private Cloud, im eigenen Rechenzentrum oder in einer Kombination daraus, durchaus Sinn machen. Dabei sollte der Nutzen in der Geschäftsentwicklung im Vordergrund stehen und nicht die Cloud als Dogma.

CHEFBÜRO: SAP hat mehrere „Cloud-Satelliten-Lösungen“, SaaS-Lösungen, hinzugekauft. SuccessFactors, Concur oder Fieldglass. Die DSAG hat SAP aufgefordert, diese besser (auch stärker „semantisch“) in SAP-Backends (oder Backendprozesse) zu integrieren, in SAP S/4 (und auch in SAP ERP?). Wie weit oder wie umfangreich soll diese Integration aus Sicht der DSAG wirken?

Pietsch: Durch die vielen Zukäufe der SAP ist das Angebot noch nicht aufeinander abgestimmt. Oft fehlen Funktionen, die durch die aktuellen On-Premise-Module abgedeckt werden. Insbesondere in der hybriden Landschaft ist eine vollwertige Integration wichtig. Das bedeutet, dass Business-Objekte wie beispielsweise. „Kunde“ oder „Material“, kompatibel zwischen verschiedenen Anwendungen aus dem SAP-Lösungsportfolio austauschbar sein müssen – ohne dabei semantisch unterschiedlich interpretiert zu werden oder syntaktisch/strukturell nicht zusammenzupassen. Die hohe Integration der ERP-Landschaft ist ein wesentlicher Grund, warum sich Kunden für die SAP-Lösungen entscheiden. Sollte dies in den neuen Produkten nicht genauso einfach und tiefgreifend umgesetzt werden, können sie auch andere Cloud-Lösungen einsetzen und die Integration selbstständig umsetzen.

CHEFBÜRO: Als Cloud-Anbieter hat SAP für den Betrieb zu sorgen, was zum Beispiel Verfügbarkeit/Stabilität oder Releasewechsel beinhaltet. Wie schlägt sich SAP als Betreiber aus Ihrer Sicht? Was ist aus DSAG-Sicht optimierbar?

Pietsch: Der Umgang mit Ausfällen in der Cloud, bezüglich der Kommunikation, Reaktion und Lösungszeiten ist problematisch. Gerade bei Verfügbarkeit und Stabilität der Cloud-Angebote gibt es noch Optimierungsbedarf. Dies betrifft sowohl das Software-as-a-Service-Portfolio, etwa Success Factors, als auch Platform-as-a-Service-Angebote wie die SAP Cloud Platform. Vor dem Hintergrund der steigenden Nutzung von Cloud-Angeboten und dem zunehmenden Einsatz in betriebskritischen Prozessen ist dies nicht tragbar. SAP und DSAG stehen hierzu in engem Austausch.

CHEFBÜRO: Man hat den Eindruck, dass SAP insbesondere die Lösung S/4HANA Cloud verstärkt im Markt pusht. Für welche SAP-Anwender oder Anwendergruppen kann S/4HANA Cloud eine mögliche probate Lösung darstellen (betriebswirtschaftlich und technisch)?

Pietsch: Technisch gibt es keinen wirklichen Grund das eine oder andere zu machen. Sinn macht eine Cloud-Lösung immer dann, wenn die Geschäftsprozesse zu einem hohen Prozentsatz von der Lösung abgedeckt werden und keine Eigenentwicklungen notwendig sind. Das kann auch bei der Versorgung einer Niederlassung mit einem ERP-System so betrachtet werden. Cloud könnte auch ein interessantes Mittel sein, wenn man eine abgrenzbare Funktionalität wie die Anlagenbuchhaltung schon auf S/4HANA einsetzen möchte bzw. muss, das ERP-System aber noch nicht umgestellt werden kann.

Das Interview mit DSAG-Technologievorstand Steffen Pietsch (Bild) führte Gottfried Welz.

www.dsag.de

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen