(23. Oktober 2019) Viele Anwender möchten ihre SAP-Systeme nicht gänzlich in die Cloud verlagern oder SAP-Lösungen darüber nutzen. Der Walldorfer Softwarekonzern stellt jedoch immer mehr Cloud-Lösungen bereit oder will Anwender in die Cloud lotsen. DSAG-Technologievorstand Steffen Pietsch (Bild) zum Thema SAP-Cloud-Computing aus Anwendersicht im CHEFBÜRO-Interview.

Pietsch Steffen DSAG Technologievorstand

CHEFBÜRO: Digitalisierung braucht Cloud-Computing. Wie stellt sich bei SAP-Anwendern den DSAG-Erkenntnissen nach die Einstellung gegenüber dem SAP-Cloud-Computing oder SAP-as-a-Service gegenwärtig dar?

Pietsch: Wenn wir mit unseren Mitgliedern sprechen, zeichnet sich klar ab: Im Hier und Jetzt steht Cloud-only nicht im Vordergrund. Befürwortet wird eine hybride Realität. Welche Anwendungen on-premise im eigen Data Center, bei einem Outsourcer oder über die Cloud bezogen respektive genutzt werden, hängt jeweils sehr stark vom jeweiligen Unternehmenskontext ab. Es geht um einen sinnvollen und praktikablen Mix.

CHEFBÜRO: Auf welche Art und Weise unterstützt die DSAG konzeptionell die Anwender bei dieser Art von „Cloud-Mix“?

Pietsch: Wir wollen unseren Mitgliedern Orientierung und Hilfestellungen geben – inklusive Erfahrungsaustausch. Konkret haben wir für das Thema eine eigene Arbeitsgruppe eingerichtet, die einen enormen Zulauf erfährt. Die Arbeitsgruppe nennt sich „Cloud Infrastructure und Automatisierung“. Sie befasst sich zum Beispiel mit der Frage: Worauf ist zu achten und welche Spielregeln gelten, wenn SAP-Workloads bewegt oder sie zu einem Cloud-Hyperscaler verlagert werden?

CHEFBÜRO: Und Anwendungs-seitig? Eben SAP-seitig? Welchen Cloud-Mix empfiehlt die DSAG hier?

Pietsch: Beim Thema Software-as-a-Service versus on-premise gibt es ebenfalls keine Pauschalantwort. Da hier sehr stark Prozesse im Mittelpunkt stehen. Wenn wir etwa auf SAP Human Resources und SuccessFactors blicken, dann bietet die Cloud-Lösung SuccessFactors in verschiedenen Teilbereichen eine sehr ausgereifte und eine sehr gute Funktionalität; ist einem klassischen HR-On-premise-System überlegen. In anderen Bereichen, etwa bei der deutschen Payroll oder der Ausprägung länderspezifischer Regularien, hinkt SuccessFactors hinterher. Das heißt, SAP-Anwender müssen in Abhängigkeit des jeweiligen Prozesses und in Abhängigkeit des Unternehmenskontextes bewerten. Zu beantworten ist beispielsweise: Passt SAP als SaaS-Cloud-Lösung verglichen mit dem, was SAP on-premise anbietet, für den individuellen Kundenbedarf besser oder nicht? Und: Welche regulatorischen oder vertraglichen Rahmenbedingungen sind beim Speichern oder Verarbeiten von beispielsweise personenbezogenen Daten in der Cloud zu beachten?

CHEFBÜRO: Ein Punkt, der bei der Transformation von SAP hin zu einem Cloud-Unternehmen moniert wird, ist die Integration von ERP-System mit anderen SAP-Apps wie Success Factors oder Ariba. Was fordert die DSAG in punkto ERP-Apps-Integration von SAP? Eine rein technische Integration, also keine semantische oder native Integration, stellt ja nur eine Art Halblösung vor dem Hintergrund einer prozessualen Integration dar…

Pietsch: SAP ist in der Vergangenheit als eine Art monolithisches Applikationssystem gebaut gewesen. Mit den Charme: hoch integriert. Gleichzeitig aber faktisch als komplexer Monolith mit schwerer Skalierung, bei dem man quasi immer alles mit an Bord hatte. Heute, in leichtgewichtigeren Applikationen gibt es dieses Manko nicht mehr. Dafür aber ein anderes, das Integration heißt. Das bedeutet, man muss in einer verteilten Landschaft sicherstellen, dass ein SuccessFactors, ein Ariba oder ein Concur möglichst zeitnah – wenn nicht in Echtzeit, aber zeitnah – über die richtigen Daten verfügt, was typischer Weise mit Stammdaten beginnt. Das bedeutet beispielsweise, dass wenn man einen Kunden in einem On-premise-System anlegt, er entsprechend verteilt wird. Und das hat eine technische Komponente und das hat eine semantische Komponente. Insbesondere bei letzterer gibt es Nachholbedarf und hier muss SAP für Integrationsordnung sorgen.

CHEFBÜRO: Was heißt das konkret?

Pietsch: Wir sehen und nehmen positiv wahr, dass SAP einen API-fist-Ansatz in ihrer Strategie verankert hat und diesbezüglich Fortschritte macht, etwa durch den SAP API Business Hub – aber sicher noch nicht am Ziel ist. Es ist noch nicht so, dass Funktionen und Daten durchgängig über Standard-Schnittstellen erreichbar sind. Gleichwohl gibt es Bestrebungen, notwendige Schnittstellen oder APIs verfügbar zu machen. Damit ist jedoch noch nicht zwangsläufig eine Prozesssemantik umfassend erfüllt. Zugekaufte Public-Cloud-Lösungen wie etwa SuccessFactor oder Ariba weisen eine andere Herkunft mit verschiedenen Datenmodellen und damit eine unterschiedliche Semantik auf. Hier gilt es, Integration oder Harmonisierung zu schaffen. Eine der Kernforderungen der DSAG an SAP. Und zwar in der Art, dass eben nicht kundenindividuelle Integrationsprojekte notwendig sind, sondern es von SAP einen entsprechenden standardmäßigen Content gibt, der diese Integration fördert respektive sicherstellt.

CHEFBÜRO-Interview mit Technologievorstand Steffen Pietsch von der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe DSAG

Autor: Gottfried Welz, Fachjournalist in Ostfildern bei Stuttgart

www.dsag.de

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