(21. August 2019) Das Prekariat beginnt heute in der Mittelschicht. Immer mehr Menschen in angesehen Berufen kämpfen mit begründeter Existenzangst. Das ist ein gefährlicher Trend: Selbst gut Qualifizierte fühlen sich abgehängt, die Gesellschaft gerät unter Druck.

Cover Die Angezaehlten

In ihrem neuen Buch »Die Angezählten. Wenn wir von unserer Arbeit nicht mehr leben können« schildert Anette Dowideit, dass immer mehr Menschen – nicht mehr nur am unteren Rand, sondern zunehmend auch in der Mittelschicht – sich bei den Bedingungen, zu denen sie arbeiten, von der Politik alleingelassen fühlen: Sie fühlen sich unfair bezahlt und verspüren Zukunftsangst, weil ihre Arbeitsverträge unsicherer, unplanbarer werden. Das ist mehr als nur ein Gefühl, sondern lässt sich an vielen Zahlen nachweisen.

Höchste Zeit, über den Stellenwert von Arbeit zu reden, findet die Autorin. Das gesamte Wertesystem der Arbeit ist bedenklich abgesackt und wir müssen viel tun, um es wieder aufzurichten, ist sie überzeugt.
Dowideit leuchtet in verschiedene Branchen und Berufe hinein, spricht mit fest oder befristet Angestellten, Projektarbeitern, Freiberuflern und Multijobbern über ihre Arbeitsbedingungen und befragt Experten. Dabei macht sie haarsträubende Entdeckungen. Dass Lieferdienste und Billigfluggesellschaften unfaire Jobs anbieten, ist seit einiger Zeit bekannt, aber dass auch Lehrer, Polizisten, Krankenschwestern und sogar Ärzte in unsicheren und schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen stecken, ist vielen bisher nicht klar.

Der Wert, den unsere Gesellschaft der Arbeit zumisst, sinkt. Auch bei den klassischen Mittelschichtsberufen. Doch der Status Quo kommt nicht von irgendwo. Wir Konsumenten tragen Mitschuld daran. Die verbreitete Einstellung »das geht doch noch billiger« fördert das Lohndumping und die Gig Economy, in der sich Soloselbstständige von Job zu Job hangeln und dazwischen ein sozial ungesichertes Leben führen.
Die Politik, so die Autorin, trägt nicht dazu bei, dass sich die Lage verbessert, sondern feiert das »deutsche Jobwunder«: 2,2 Mio Arbeitslose im April 2019, so wenige wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Doch die Zahlen spiegeln die Realität nicht wider. Das Bruttoinlandsprodukt steigt, die Reallöhne nicht. Der Einzelne kann sich bei gleicher Arbeit weniger leisten, Wohnen wird zur sozialen Frage, eine Gesellschaft aus Einzelkämpfern gerät unter Druck.

Dabei könnte auf Zukunft eingestellte und fair bezahlte Arbeit der Schlüssel für viele aktuelle Herausforderungen sein, ob Klimawandel oder gesellschaftliches Miteinander. Anette Dowideit hat richtungsweisende Vorschläge für die Politik und öffnet uns die Augen dafür, dass wir auch beim Thema Arbeit letztlich alle in einem Boot sitzen.

Anette Dowideit ist Diplom-Volkswirtin, Absolventin der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft, Autorin mehrerer Bücher, regelmäßiger Gast in Talkshows. Sie arbeitet als Chefreporterin bei der Zeitungsgruppe »Die Welt«. Nach vier Jahren als Korrespondentin in New York ist sie seit 2011 Mitglied des Investigativteams. Für ihre Recherchen kooperiert sie mit Fernsehredaktionen wie Frontal 21 oder dem Rechercheteam des Bayerischen Rundfunks – und steht dabei auch selbst vor der Kamera.

Die Angezählten. Wenn wir von unserer Arbeit nicht mehr leben können
Anette Dowideit

kartoniert
Erscheinungstermin: 21.08.2019
ISBN 9783593510811
Campus Verlag
244 Seiten
18,95€

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Klicken Sie auf OK, wenn Sie mit dem Einsatz von Cookies einverstanden sind.
Weitere Informationen