(21.12.2020) Auch SAP mit seiner internationalen Leuchtkraft täuscht nicht darüber hinweg: Deutschland glänzt im internationalen Markt für Business Software nicht gerade. Und die digitale Wettbewerbsfähigkeit schrumpft weiter; laut einer aktuellen Studie des Institute for Management Development liegt das Land derzeit weltweit auf Rang 18.

Gleichzeitig ist Siemens heute Marktführer in der Industriesoftware. Daran können sich deutsche Softwareingenieure im Mittelstand orientieren. Sie müssen verinnerlichen, dass Software auch für vornehmlich mechanische Produkte wie Maschinen, Automobile – die deutschen Exportschlager schlechthin – zum Differenzierungsfaktor wird. Und sie müssen offen für Wachstumsinvestoren sein. Dann steht auch Software aus dem deutschen Mittelstand die Welt offen.

Business und Industrie-Software, diese Branche ist für die Wirtschaft von besonderer Bedeutung. Denn sie weist eine hohe Produktivität (Wertschöpfung pro Beschäftigtem) auf, ermöglicht skalierbare Geschäftsmodelle und ist überhaupt der Schlüssel für die umfassende Digitalisierung unserer physischen Wirtschaft. Am Beispiel Siemens ist gut abzulesen, was in diesem Bereich möglich ist, wenn man ihn strategisch und international angeht. Bei dem Marktführer für Industriesoftware machte der Bereich 2019 bereits ein Viertel des 16 Milliarden schweren Segments "Digital Industries" aus.
Bemerkenswert ist, dass Siemens Verluste in der Automobil- und Maschinenbauindustrie durch ein zweistelliges Wachstum bei Prozessautomatisierung und Software ausgleichen konnte. Dies unterstreicht, dass sich die frühen Investitionen in Software, digitale Dienstleistungen und Remote-Wartung ausgezahlt haben.

Software wird zum Differenzierungsfaktor
Klar: Ein mittelständisches Softwareunternehmen hat nicht die Power für internationale Zukäufe, wie sie eine Siemens AG tätigt. Aber das grundsätzliche Konzept lässt sich ohne Weiteres auf den Mittelstand übertragen. Denn Software wird auch für vornehmlich mechanische Produkte wie Maschinen, Automobile usw. immer stärker zum Differenzierungsfaktor. Von außen sieht man immer Blech und Kunststoff, der Unterschied jedoch steckt künftig im Betriebssystem, das jedes Auto mit sich führen wird. Die Zuweisung einer zentralen Rolle an Betriebssysteme in der Produktentwicklung macht Autos zukunftssicher und ermöglicht eine breite Palette neuer Geschäftsmodelle, die mit dem Wandel der Mobilität zusammenhängen. Autonomes Fahren, Konnektivität, Elektrifizierung und Share-Modelle lauten hier die Stichworte. VW z.B. plant bis 2025 im Rahmen seiner neuen Car.Software-Einheit, über 5.000 Digitalfachleute einzustellen.

Was bei Autos funktioniert, gilt für die gesamte fertigende Industrie. Der Kern von Industrie 4.0 besteht letztlich aus Software und Informationstechnologie, die physische Systeme ergänzen. Hier haben viele junge und ambitionierte heimische Softwareunternehmen die Chance, die Produktivität zu steigern, digitale Ökosysteme zu schaffen und sich als Technologiezulieferer etablierter Fertigungsunternehmen zu beweisen.

Vom Anwendungsfall her denken
Software wird anders entwickelt als Mechanik, nämlich viel stärker vom Anwendungsfall kommend. Sie braucht ein anderes Marketing und statt auf Funktionen einen stärkeren Fokus auf Usability und den entsprechenden Anwendungsfall der jeweiligen Software. Eine aktuelle Studie des IFM Mannheim zeigt: Nicht mangelndes technisches Know-how oder Funktionalität hemmt die internationale Wettbewerbsfähigkeit kleiner deutscher Softwareunternehmen, sondern vielmehr unzureichende Usability, d.h. Bedienungsfreundlichkeit und ansprechende Nutzeroberflächen. Das Management komplexer Systeme ist eine "deutsche Stärke". Länder wie die USA sind hier bislang weiter, wenn es darum geht, Usability-Praktiken zu integrieren, die eine breite Einführung und höhere Produktivität ermöglichen. Software muss im großen Stil Top/Down gedacht werden, wenn man international mitspielen will.

Wachstumskapitalgeber als strategische Sparringspartner
Es gibt zahlreiche vielversprechende deutsche Unternehmen, die das Potenzial haben, mit einem internationalen Produkt und angemessener Marktpräsenz zu wachsen. Um eine breite Markteinführung zu bewältigen und das Wachstum voranzutreiben, sind häufig Mittel erforderlich, die zur Skalierung des Unternehmens eingesetzt werden können. Dieses Kapital steht in Form von Wachstumskapital in Deutschland zur Verfügung. Deutsche Unternehmen fokussieren aber immer noch zu sehr auf Bankenfinanzierung und öffentliche Förderung, statt auf Wagniskapital und Private Equity zu setzen, deren Anbieter im Mittelstand bislang das Image der bösen „Heuschrecken“ haben.

Deshalb tut sich der technologische Mittelstand – im Gegensatz zu den Startups – in Deutschland mit Private Equity noch immer schwer. Dadurch werden große Chancen vergeben und in Deutschland bleiben technologisch ausgeprägte Mittelständler oft klein, während anderswo Champions entstehen. Internationale Investoren sehen dieses Dilemma und beklagen zudem, dass in Deutschland zu wenig Eigenkapital in Unternehmen mit Potenzial investiert wird.

Marktführer von morgen
Dabei besteht die Aufgabe bzw. Leistung von Wachstumskapitalgebern nicht nur darin, Geld zur Verfügung zu stellen. Sie sollten im Idealfall vielmehr als erfahrener strategischer Sparringspartner fungieren. Ein inländischer Investor stellt darüber hinaus sicher, dass – anders als z.B. bei vielen ausländischen Kapitalgebern – der Hauptsitz nicht verlagert werden muss und damit Kernwissen sowie entsprechende wirtschaftlichen Beiträge aus der Region abgezogen werden.

Private-Equity-Firmen wie z.B. die im Jahr 2018 neu gegründete Münchner Marondo Capital GmbH haben sich darauf spezialisiert, bereits etablierten aber noch kleineren Technologieunternehmen Eigenkapital für das Wachstum zur Verfügung zu stellen, damit sie sich zu führenden und international tätigen Spielern entwickeln können.
Deutschland kann Software. Und es kann sie auch verkaufen. Dafür müssen junge, ambitionierte Software- und Technologiefirmen in Zusammenarbeit mit etablierten Industrieunternehmen mit einem mutigeren Ansatz eine Vorreiterrolle einnehmen. Sobald sie die richtige Produkt-Markt-Passung gefunden haben, können erfahrene Wachstumsinvestoren wie Marondo sie dabei unterstützen, zu den Marktführern von morgen aufzusteigen.

Die Autoren:

Pieter Timmerman, Associate, Marondo Capital, Quelle: Marando Capital

 

 

 

 

 

Pieter Timmerman hält einen M.Sc. in Wirtschaftsingenieurwesen der KU Leuven in Belgien. Er unterstützt das Deal Team bei Marondo Capital als Associate, wo er sich mit technologiegetriebenen Wachstumsunternehmen beschäftigt.

Raimund Schlotmann, Quelle: Raimund Schlotmann

 

 

 

 

 

Raimund Schlotmann begann seine Laufbahn im Engineering- und Softwarebereich der Siemens AG und ist seit dieser Zeit in der Unternehmensentwicklung als Geschäftsführer und Digitalisierungsexperte tätig. Er betrachtet Digitalisierung, Cloud Computing, SaaS, Industrie 4.0 oder IoT nicht nur technisch, sondern insbesondere aus Sicht des Geschäftsmodells und der potenziellen Wirkung.

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